Unterwegs mit Indian Railways

Um lange Strecken in Indien zurückzulegen, ist neben dem Flugzeug der Zug das Transportmittel der ersten Wahl, besonders für uns als überzeugte Bahnfahrer. Bei der Organisation der Buchungen stellte der Registrierungsprozess auf der Webseite von Indian Railways erst ein unüberwindliches Hindernis dar, schließlich konnte die Transaktion dann doch noch erfolgreich abgeschlossen werden (Vielen Dank, Ute!). Für unsere erste Zugreise hielt die Indische Bahn noch einen zusätzlichen Nervenkitzel bereit: Wir waren auf der Warteliste gelandet (waitlisted ticket), so dass unsere Fahrkarten erst wenige Stunden vor der Abfahrt bestätigt wurden.

Der Khajuraho Udaipur Express
Der Khajuraho Udaipur Express

Der Khajuraho Udaipur Express

Unsere erste Fahrt mit der Indischen Bahn, Indian Railways, führte uns von Khajuraho nach Ajmer, dann würde sich noch eine kurze Taxifahrt bis Pushkar anschließen. Damit lagen etwa 700 Kilometer vor uns. Am Bahnhof von Khajuraho mussten wir uns, weil wir von der Warteliste aufgerückt waren, vor der Abfahrt noch an den Schalter wenden, um unsere Waggon- und Sitzplatznummern in Erfahrung zu bringen. Daher drängelten wir uns, wie die Einheimischen auch, mit sanftem, aber bestimmtem Körpereinsatz in die dichte Wartetraube vor dem Angestellten der Bahn hinter seiner Glasscheibe. Das Anstehen in Indien funktioniert nach etwas anderen Regeln, als wir es gewohnt sind. Welche Kriterien im Einzelnen die Reihenfolge bestimmen, seien es Kastenzugehörigkeit oder die Qualität und der Preis der Kleidung des Wartenden, wird für Uneingeweihte nicht transparent. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass man sich bei zurückhaltendem, diszipliniertem Verhalten sehr lange gedulden muss, bis man an die Reihe kommt.

Langsam verließen wir den Bahnhof von Khajuraho.
Langsam verließen wir den Bahnhof von Khajuraho.

Sobald wir die gewünschte Information hatten in Erfahrung bringen können, begaben wir uns zum Bahnsteig und stiegen in unseren Waggon. Dann begann unsere Reise recht geordnet und der Khajuraho Udaipur Express fuhr pünktlich morgens um 9:25 Uhr vom Bahnhof in Khajuraho los. Die planmäßige Ankunft in Ajmer sollte 16 Stunden später um 1:15 Uhr in der Nacht sein.

In der "AC 2 Tier Sleeper Class" hat jeder Gast ein Bett bzw. man teil sich das untere Bett als Bank.
In der „AC 2 Tier Sleeper Class“ hat jeder Gast ein Bett bzw. man teil sich das untere Bett als Bank.

Wir fuhren in der 2. Klasse AC Sleeper, der höchsten verfügbaren Klasse. Für 3.222 Rupien (ca. 40 Euro) pro Person (inklusive 250 Rupien „Railway Charges“!) sollten wir eine Menge Bahnfahrt geboten bekommen. Im zunächst fast leeren und sauberen Zug fanden wir problemlos unsere Plätze, bzw. unsere Liegen, die man zu Sitzbänken aufklappen konnte. Platz gab es in Hülle und Fülle: Eine Bank war für zwei Personen vorgesehen und zum Schlafen konnte man den Bereich in ein Doppelstockbett umwandeln. Im Verlauf der Reise brachte uns der Schaffner auch ein Laken und ein Kissen für die Nachtruhe sowie je ein Handtuch.

Die Fahrt von Khajuraho nach Ajmer

Auf den ersten Metern hatte es der Lokführer des Express scheinbar nicht sonderlich eilig. Langsam rollte unser Zug los, so dass man problemlos neben dem Waggon hätte herlaufen können, wenn nicht irgendwann der Bahnsteig aufgehört hätte ;). Nur sehr, sehr langsam erhöhte der Zug die Geschwindigkeit, wurde dann aber stetig schneller und das rhythmische Geräusch der Schienen, Tack-Tack, Tack-tack, beschleunigte sich, erst 30 km/h, dann schließlich 60 und sogar 70 km/h. Trotzdem blieb die Fahrt sehr angenehm, kein Vergleich zu den schwankenden, stoßenden Waggons in Myanmar, aber natürlich auch nicht zum Dahingleiten im Shinkansen in Japan ;). Entfernt fühlte man sich an einen deutschen Regional-Express aus den 80er Jahren erinnert. Ab 80 Stundenkilometern fing es etwas zu klappern an und die Höchstgeschwindigkeit lag bei immer noch bequemen 100km/h.

Blick aus dem Fenster kurz hinter Khajuraho
Blick aus dem Fenster kurz hinter Khajuraho

Ein ländliches Indien zog an uns vorüber, Felder mit rötlicher Erde, einige frisch gepflügt, andere brach liegend mit vertrocknetem Gras, wieder andere bepflanzt mit Zuckerrohr oder anderen Feldfrüchten. Gelegentlich passierten wir kleinere Dörfer, fuhren aber meistens zu schnell, um viele Details sehen zu können. Beim Halt an den nächsten Bahnhöfen füllte sich der Zug allmählich und ab Agra war tatsächlich jeder letzte Platz belegt.

Indien kulinarisch: Railrestro statt Speisewagen

Insgesamt war die Indische Bahn wirklich komfortabel. Als es allerdings um das leibliche Wohl ging, reduzierte sich das offizielle Angebot im Zug auf Chai (indischen Tee, immer gut) und zum Essen hatten wir die Auswahl zwischen einem (angeblich unspannenden) „veg“ oder „non-veg“ (vegetarischen oder nicht-vegetarischen) Gericht. Fliegende Händler zogen nicht durch die Waggons, dennoch konnten wir fürstlich speisen, da es (relativ zuverlässig) mobiles Internet gab.

Railrestro erwies sich als überraschend schmackhaftes Erlebnis.
Railrestro erwies sich als überraschend schmackhaftes Erlebnis.

Die Alternative hieß railrestro.com (Danke an seat61.com für die gute Empfehlung!), es handelte sich um einen Lieferdienst für Speisen und Getränke zum Zug. Auf der Webseite im Internet gaben wir unsere Reservierungsnummer (PNR = „Passenger Name Record“) ein. Daraufhin zeigte uns die App eine Liste der folgenden Stationen mit den möglichen Restaurants, die zur Bahn liefern. Ob es wohl funktionieren würde? Das mussten wir ausprobieren!

Kurz nach der Bestellung folgte die Bestätigung per SMS.
Kurz nach der Bestellung folgte die Bestätigung per SMS.

Als zeitlich passender Zwischenstop für das Mittagessen bot sich der Bahnhof in Jhansi an, planmäßiger Halt um 13:30 mit 10 Minuten Aufenthalt. Online bestellten wir Vegetable Kofta und Paneer Tikka Masala mit Reis und zum Nachtisch Ras Malai und Rajbhog (eine Variante von Rasgulla) zu gehobenen Restaurantpreisen. Nach Eingabe unserer indischen Handynummer und der E-Mail-Adresse bekamen wir prompt auf beiden Kanälen Bestätigungsnachrichten zugesandt. Schließlich waren wir im Land der Computer-Inder!

Essen auf Schienen

Der Zug fuhr mit ein paar Minuten Verspätung im Bahnhof ein und wir versuchten, den Boten auf dem Bahnsteig zu erspähen. Das war aber gar nicht notwendig, denn kaum hatte der Zug angehalten, stand ein junger Mann mit einer Warmhaltetasche vor unserem Platz, um uns unser Mittagessen zu übergeben.

Essen auf Schienen, blütenweiß verpackt
Essen auf Schienen, blütenweiß verpackt

Die Nahrungsaufnahme selbst entwickelte sich allerdings zu einem kleinen Artistik-Akt, da wir neben den randvollen Schüsseln nur einen Pappteller und 2 kleine, ziemlich fragile Plastiklöffel bekamen, außerdem war das Tischchen im Zug recht niedrig. Aber geschmacklich entpuppte sich das Experiment als voller Erfolg, wenn auch die Ästhetik unserer Tischmanieren unter diesen Umständen zu wünschen übrig ließ ;).

Vegetable Kofta und Paneer Tikka Masala mit Reis
Vegetable Kofta und Paneer Tikka Masala mit Reis

Für das Abendessen wiederholten wir den Prozess der Online-Bestellung, wählten aber diesmal ein Biryani, ein Reisgericht, in der Hoffnung, dass es im Zug einfacher zu essen wäre ;).

Ras Malai: eine indische Süßigkeit auf Milchbasis. Das Bällchen besteht aus einem lockeren Frischkäse, der mit Clotted Cream übergossen wird.
Ras Malai: eine indische Süßigkeit auf Milchbasis. Das Bällchen besteht aus einem lockeren Frischkäse, der mit Clotted Cream übergossen wird.

Beim Servieren der Speisen fühlten wir uns ein wenig wie Zauberkünstler. Die Inder erwiesen sich als wahre Verpackungsspezialisten. Nicht nur der Rajbhog wurde in einer Plastiktüte geliefert, sondern auch einen salziges Lassi, welches wir in einen aufgehobenen Plastikbecher umfüllten…

Lassi aus der Tüte
Lassi aus der Tüte

Pünktlich in Ajmer

Auch sonst war die Indische Bahn gut vernetzt. Wir konnten die Zugfahrt live im Internet verfolgen. So waren wir im Bilde, ob wir pünktlich unterwegs waren. Die meiste Zeit hatten wir ca. 10 Minuten Verspätung. Kurz vor dem Ziel muss der Khajuraho Udaipur Express allerdings den Nachbrenner gezündet haben. Auf einmal vernahmen wir die überraschende Durchsage, dass wir gleich in Ajmer ankommen würden. Hastig rafften wir unsere sieben Sachen zusammen und torkelten schlaftrunken hinaus auf den Bahnsteig.

Unsere Zugfahrten in Indien: Von Khajuraho nach Ajmer (türkisfarben) und von Udaipur über Ajmer nach Jabalpur (orangefarben)
Unsere Zugfahrten in Indien: Von Khajuraho nach Ajmer (türkisfarben) und von Udaipur über Ajmer nach Jabalpur (orangefarben)

Zeitsprung

Gut eine Woche später beehrten wir Indian Railways erneut, diesmal ging die Fahrt von Udaipur mit Aufenthalt in Ajmer nach Jabalpur. Die erste Strecke fuhren wir, in Ermangelung anderer Optionen, in der dritten Klasse. Dort gab es passenderweise Stockbetten mit 3 Etagen. Da die mitreisenden Inder lieber auf den Betten lagen, als sie in Bänke umzubauen, war es sitzend um die Kopffreiheit etwas niedrig bestellt, bis wir um 11:20 Uhr in Ajmer ausstiegen. Im Nachhinein wäre es ein Ausweg gewesen, Plätze am Gang zu reservieren. Dort gibt es nur Doppelstockbetten und auch heruntergeklappt hätte man dort bequem sitzen können.

Unser Abteil in der AC First Class bot extrem viel Platz. Die Bank ließ sich in ein Doppelstockbett verwandeln.
Unser Abteil in der AC First Class bot extrem viel Platz. Die Bank ließ sich in ein Doppelstockbett verwandeln.

Auf der zweite Etappe der Strecke fuhren wir über Nacht: Abfahrt in Ajmer war um 15:25 Uhr, die planmäßige Ankunft in Jabalpur sollte um 8:45 Uhr am nächsten Morgen stattfinden. Dekadenterweise hatten wir in der ersten Klasse gebucht (AC First Class). Unser privates, abschließbares Abteil war ca. 6 bis 8qm groß, hatte sogar einen kleinen Kleiderschrank, ein Tischchen und bot viel Platz. Wir fühlten uns ein wenig in die goldenen Zeiten der Eisenbahnreisen zurückversetzt und stellten uns vor, im luxuriösen Orient Express zu sitzen. Wegen der üppigen Dimensionen des Abteils musste man beim Gang allerdings Abstriche machen. Die Flurtüren waren maximal 45 bis 50 Zentimeter breit, zu schmal, um mit aufgesetztem Rucksack hindurchzutreten ;).

Bettlaken und Handtücher für die Nacht
Bettlaken und Handtücher für die Nacht

Auf Nachfrage und gegen ein kleines Trinkgeld brachte uns der Schaffner abends freundlicherweise zusätzlich zur Standardausrüstung an Laken und Handtuch eine kuschelige Vliesdecke. Nachdem wir dank Railrestro üppig zu Abend gespeist hatten, schliefen wir gut durch die Nacht, von der leichten Bewegung des Zuges sanft in die Träume geschaukelt. Sehr angenehm war, dass wir im privaten Abteil wenig von den anderen Passagieren mitbekamen, die nachts ein- und ausstiegen. Mit einigen Minuten Verspätung erreichten wir Jabalpur und zogen insgesamt ein sehr positives Résumé der Leistung der Indischen Eisenbahn. Hat man es trotz aller Widrigkeiten erst einmal geschafft, eine Fahrkarte zu erwerben, dann sind die Reisen mit Indian Railways unserer Meinung nach sehr entschleunigend und relativ bequem.

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