Im Pantanal, dem Reich der Jaguare

Wörtlich übersetzt bedeutet Pantanal „Sumpf„. Eigentlich ist das Gebiet eher ein Marschland, bedeckt eine Fläche doppelt so groß wie Österreich und wird in der Regenzeit 3 Meter hoch überflutet. Damit ist das Pantanal ein Stückchen Erde, dass sich der Mensch bisher nur bedingt unterworfen hat. Mehr oder weniger ungestört konnte so eine unglaubliche reiche Tierwelt überdauern, deren Stars zweifellos die Jaguare sind.

Aug in Aug mit dem Jaguar: Scarface ist auf der Jagd.
Aug in Aug mit dem Jaguar: Scarface ist auf der Jagd.

Von Cuiabá ins Pantanal

Obwohl wir uns weiterhin in Brasilien befanden, staunten wir über die Kontraste zur Landschaft des Amazonasbeckens, die kaum größer hätten sein können. Im Pantanal, 1500 km südlich von Manaus, ist der Wald kein Floresta, sondern ein Cerrado, also kein dichter Dschungel, sondern eine Savanne. In Manaus war die Regenzeit gerade vorüber, im Pantanal hingegen herrschte im Juli Trockenzeit. Das war auch gut so, denn in der Regenzeit ist das Feuchtgebiet kaum zu erreichen. Die einzige Straße, die von Norden ins Pantanal führt, die sogenannte Transpantaneira, ist eine zwar breite, aber unbefestigte Piste.

Die Einfahrt ins Pantanal auf der Transpantaneira
Die Einfahrt ins Pantanal auf der Transpantaneira

Auf dem Weg zum Pantanal erklärte uns Marcos, unser Führer, die geografischen Gegebenheiten dieses Marschgebietes und den Zyklus von Regen und Trockenzeit, von Überschwemmungen, offenem Grasland, von Feucht- und Trockenwald. Es gibt zwar auch einen Pantanal-Nationalpark, aber erstaunlicherweise sind 95% des gesamten Areals in privatem Besitz. Die einzige mögliche Form der Nutzung ist die Weidewirtschaft. So haben auch die Rinder in den vergangenen 300 Jahren die Landschaft geformt und sind Teil des Ökosystems geworden.

Pantanal-Rinder, sie formen die Landschaft schon seit mindestens 300 Jahren.
Pantanal-Rinder, sie beeinflussen die Landschaft schon seit mindestens 300 Jahren.

Natürlich fragten wir gleich nach den Jaguaren. Es sei uns natürlich bewusst, dass es sehr schwierig sei, Raubkatzen in freier Wildbahn zu beobachten. Wie stünden denn unsere Chancen auf eine Sichtung? Marcos antwortete hingegen sehr selbstbewusst. Auf seinen Touren gäbe es eine Erfolgsquote von 100%. Wir staunten innerlich, nahmen es aber erstmal so hin und beschlossen abzuwarten, ob Marcos nicht übertrieben hätte.

Die Einfahrt ins Pantanal

Bereits vor der offiziellen Einfahrt ins Pantanal reckten wir die Hälse und hatten Schwierigkeiten zu entscheiden, wo wir zuerst hinsehen sollten. Schon in der Nähe des Kontrollpostens saß mindestens alle 100 Meter ein Greifvogel im Baum. Wasservögel wie Reiher, Ibisse oder Kingfisher säumten ebenso zahlreich die Straße wie Papageien und Störche. Bereits die reine Anzahl der Tiere war extrem beeindruckend. Erst bei genauerem Hinsehen und den Erklärungen von Marcos folgend realisierten wir, dass es sich nicht nur um zahlreiche Vögel, sondern auch um viele verschiedene Spezies handelte.

Vögel überall
Vögel, wohin das Auge blickt.

Wir hielten an einer Brücke, die über eine Art Kanal führte, der auch in der Trockenzeit noch Wasser führte. Dort lagen viele Kaimane im Wasser, mehrere riesige Jabiru-Störche stelzten umher und Kormorane jagten geschickt nach Fischen oder trockneten ihre Flügel in den struppigen Büschen und Bäumen.

Ein Neotropic Cormorant (Olivenscharbe) mit fetter Beute, ein Catfish (Wels)
Ein Neotropic Cormorant (Olivenscharbe) mit fetter Beute: ein Catfish (Wels)

Auf dem Weg weiter nach Süden hielten wir immer wieder an, um die Tiere genauer anzuschauen. Das alles war sehr spannend und wir hätten gerne viel häufiger und länger angehalten. Aber Marcos hatte die Zeit im Auge, wir wollten nicht zu spät in Porto Jofre ankommen. Er beruhigte uns, in dem er in etwa sagte: „Das werden wir später noch besser sehen“. „Noch besser?“ fragten wir uns, stiegen jedoch brav ein und fuhren weiter.

Die rötesten Augen im Pantanal, ein Snail Kite (Schneckenweih)
Die rötesten Augen im Pantanal, ein Snail Kite (Schneckenweih)

Bootsfahrt in Porto Jofre

In Porto Jofre wohnten wir für zwei Nächte im Jaguar Camp. Die Unterkunft war relativ einfach, aber schön sauber und die meiste Zeit verbrachten wir sowieso draußen auf den zahlreichen Wasserwegen, die das Land durchzogen. Pro Tag waren wir insgesamt sieben bis acht Stunden in modernen Booten mit komfortablen Sitzen unterwegs. Zum Glück sind die tagaktiven Jaguare keine Frühaufsteher. Wir starteten morgens um 7:30 Uhr und kehrten gegen 12 Uhr zum Mittagessen zurück. Nachmittags fuhren wir ab 14:00/14:30 Uhr bis zum Sonnenuntergang um ca. 17:30 Uhr. Nach unserer Ankunft in Porto Jofre am ersten Tag stärkten wir uns mit einem leckeren Mittagessen und dann hieß es gleich Leinen los. Die Jaguare warteten bestimmt schon.

Ein Grünibis (Green Ibis)
Ein Grünibis (Green Ibis)

Das Pantanal-Feuerwerk der zahlreichen Eindrücke ging auch vom Boot aus weiter. In jedem Baum saß mindestens ein Wasservogel, verschiedene Reiher, Kingfisher, Ibisse und Greifvögel. Trotzdem hielten wir nicht für jeden Vogel an, da wir die ja „eh noch sehen würden“. Es galt, einen Jaguar zu finden! Keinesfalls fuhren wir allerdings an allen Tieren vorbei, vor allem nicht an den Riesenottern. Früher bevölkerten sie viele Flüsse in Brasilien, aber leider sind sie selten geworden. Die Gruppe, die Marcos erspähte, hatte gerade fette Beute gemacht und ließ sich den frisch gefangenen Fisch sichtlich schmecken.

Ein Riesenotter (Giant River Otter) lässt es sich schmecken.
Ein Riesenotter (Giant River Otter) lässt es sich schmecken.

Ebenfalls sehr emblematisch für das Pantanal ist der Jabiru-Storch, der ebenfalls für einen Stopp interessant genug war. Die beeindruckenden Vögel werden bis zu 1,40m groß und haben eine Spannweite von über 2,50 Metern, fast ein kleines Wasserflugzeug 😉

Ein Jabiru-Storch hebt ab
Ein Jabiru-Storch hebt ab.

Auf das Pantanal ist Verlass

Am ersten Tag durften wir einige spektakuläre Tierbeobachtungen verzeichnen, hatten jedoch noch keine Katze zu Gesicht bekommen. Marcos Jaguar-Garantie geriet in unseren Augen etwas ins Wanken, aber neuer Tag, neues Glück ;). Nicht weit vom Camp entfernt – wir waren erst wenige Minuten im Boot – riss Marcos die Arme in die Höhe: „Juhu!“ und zeigte ans rechte Ufer. Piu, unser Bootsführer, steuerte das Boot sofort in die Richtung und wir sahen erstmal – keinen Jaguar. Gut getarnt befand er sich im Wasser und im Schatten der Vegetation an der Böschung. Er war gerade auf der Jagd, verschwand aber nach kurzer Zeit im Dickicht.

Ruth auf der Jagd, mit über 10 Jahren, ist sie eine ältere Jaguardame.
Ruth auf der Jagd, mit über 10 Jahren ist sie eine ältere Jaguardame.

Wir fuhren weiter und lernten, dass es auch hier zwei Techniken gibt, Jaguare zu finden. Man kann versuchen, sie selber zu erspähen. In dieser Disziplin herrschte ein reger Wettstreit zwischen Marcos und Piu, wer die meisten Katzen entdecken könne. Die andere Möglichkeit ist, dem Funkgerät zu lauschen. 15 Minuten von uns entfernt war einer der samtpfötigen Jäger gesichtet worden. Piu kannte die Stelle natürlich und wir starteten durch, soviel der Motor hergab.

Jaguarbeobachtung vom Wasser aus

Als wir ankamen, sahen wir zunächst ungefähr zehn andere Boote, die langsam flussaufwärts fuhren. Der Jaguar war auf der Jagd und bewegte sich auf der Suche nach Beute entlang des Ufers. Piu positionierte unseren schwimmenden Untersatz immer wieder neu, so dass wir die Großkatze durch Fenster in der Vegetation visuell verfolgen konnten. Die Wasserfahrzeuge kooperierten in einem Rotationsprinzip gut miteinander, so dass jeder Passagier immer recht gut sehen konnte. Jeder der Bootsführer bemühte sich natürlich, trotzdem das beste für seine Gäste rauszuholen. Sie versuchten sich auszumalen, wo der Jaguar als nächstes am besten zu beobachten sein würde, fuhren voraus und warteten geduldig in der vermeintlich besten Position.

??? auf der Suche nach einem Morgen-Snack. Das Muster des Fells ist wie ein Fingerabdruck.
Ryan, ein Jaguarweibchen, auf der Suche nach einem Morgen-Imbiss. Das Muster des Fells ist wie ein Fingerabdruck.

Die Jaguare waren offensichtlich an die Boote gewöhnt und ließen sich durch unsere Anwesenheit nicht aus der Ruhe bringen. Die jetzige Generation der Raubkatzen ist mit dem Knattern der Motoren aufgewachsen und sie haben gelernt, dass von den Wasserfahrzeugen keine Gefahr ausgeht.

Hier sind Profis am Werk. Jedes Boot sucht die beste Position.
Hier sind Profis am Werk. Jedes Boot sucht die beste Beobachtungsposition.

Der Jaguar, den Marcos später als Ryan identifizieren konnte, wanderte also flussaufwärts und sondierte das Ufer, ob sich dort vielleicht ein Leckerbissen finden ließe, zum Beispiel ein Kaiman. Elegant, vorsichtig und bestimmt absolut lautlos schlich die Katze den Fluss entlang. Insgesamt verbrachten wir bestimmt eine Viertelstunde mit der Jaguardame und beobachteten sie gebannt. Auf einmal war sie jedoch verschwunden, keiner hatte gesehen wohin. Die stillen Jäger sind wahrhaftig Meister der Täuschung ;).

Ein Jaguar-Weibchen, ungestört von den Booten auf dem Fluss
Ryan läßt sich von den Zuschauern auf dem Fluss nicht stören.

Wenn‘s läuft, dann läuft‘s

Als wir später am gleichen Vormittag wieder auf der Fahrt in Richtung Lodge waren, erspähte Marcos einen weiteren Jaguar. Einige Guides nennen ihn Ugly, ein kräftiges, aber schon älteres Männchen. Hässlich war er nun wirklich nicht, aber man sah ihm sein Alter etwas an. Ein Stück eines Eckzahns zum Beispiel war abgebrochen und eine Narbe zierte sein Gesicht. Auch Ugly lief flussaufwärts, legte sich aber nach 2 oder 3 Minuten mit Blick auf den Fluss hin, um sich auszuruhen.

So ein hübscher Junge: Ugly, auch Vaikue genannt.
So ein hübscher Junge: Ugly, auch Vaikue genannt.

Nachdem er es sich dort bequem gemacht hatte, fuhren wir weiter. Keinen Kilometer weiter flussabwärts fuhr ein anderes Boot langsam am Ufer entlang. Nach ein paar Handzeichen zwischen den Bootsführern war klar: Daumen hoch, noch ein Jaguar! Ein Weibchen schlich das Ufer entlang. Wir begleiteten sie für ein paar Minuten, sahen ihre Silhouette hinter dem Gebüsch und manchmal auch etwas mehr von ihr. Insgesamt sahen wir an diesem Tag fünf Jaguare, vier am Morgen, einen am Nachmittag. Zwei davon hatte Marcos entdeckt. Sehr, sehr beeindruckend, die großen gefleckten Raubkatzen!

Amber streift durch die Nachmittagssonne.
Amber streift durch die Nachmittagssonne.

Zurück im Camp erwarteten uns oft Hyazinth-Aras, die in einem Baum im Garten lebten. Es war sehr lustig, die bunten Vögel zu beobachten, wie sie durch die Äste turnten, sich auch mal mit dem Kopf nach unten hängen ließen und wie sie in der Gruppe interagierten. Hyazinth-Aras sind die größten Aras der Welt und wunderschön, leider aber mittlerweile auch bedroht. Diese Exemplare freuten sich zum Glück ihres freien Lebens.

Hyacinth-Aras, spielerisch auf Nahrungssuche
Hyazinth-Aras, spielerisch auf Nahrungssuche

Scarface auf der Jagd

Am dritten Tag waren wir morgens noch nicht lange im Boot, als wir erfuhren, dass jemand einen Jaguar an einem engen Kanal gesehen hätte. Wir üblich hatten sich die Neuigkeiten per Funkgerät wie ein Lauffeuer verbreitet. Als wir ankamen, waren schon mindestens zehn Wasserfahrzeuge dort. Kaum hatte Piu das Boot zum ersten Mal in eine Warteposition manövriert, schaute auch schon ein Jaguar zwischen den Blättern der Büsche hervor. Es war Scarface! Marcos erkannte ihn sofort an seiner großen Narbe im Gesicht.

Scarface, bestens getarnt und auf leisen Pfoten streift er durch das hohe Gras.
Scarface, bestens getarnt und auf leisen Pfoten schleicht er durch das hohe Gras.

Scarface war auf der Jagd. Er streifte durch die Büsche und das hohe Gras am Flussufer. Die Boote begleiteten ihn in bekannter Manier, ohne dass es ihn beeindruckte oder störte. Auf einem kleinen Strand erblickten wir einen Kaiman und dachten: „Das wäre doch ein saftiger Happen für Scarface“. Er muss sich das gleiche gedacht haben, als er seine Nase durch das hohe Gras steckte. Er hielt kurz inne und sprang auf das Reptil zu.

Scarface wagt den Angriff auf einen Kaiman.
Scarface wagt den Angriff auf einen Kaiman.

Quasi zeitgleich gab es einen Schlag im Wasser, der Kaiman setzte blitzschnell zur Flucht an. Das Wasser spritzte und brodelte. Scarface war einen Wimpernschlag zu spät. Die große Echse war entkommen. Es war sehr aufregend, diese Jagdszene aus nächster Nähe mitzuerleben! Auf YouTube gibt es ein Video von National Geographic, in dem Scarface seine Beute erfolgreich geschnappt hat.

Auch wenn wir bis jetzt relativ viel über die Jaguare geschrieben haben, so stehlen sie doch dem Ökosystem und der sonstigen Tierwelt des Pantanal etwas die Schau. Was wir sonst noch im Marschland erlebt haben, könnt Ihr im zweiten Teil lesen.

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Jutta Reichhardt
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Jutta Reichhardt

Eure berichte sind nach wie vor beeindruckend ,die Fotos auch,doch es ist wohl unser „Zeitgeist“.alles und jedes aufzuspüren,auch wenn es noch sooo weit entfernt liegt und die Tiere sich in den letzten Refugien zurückziehen wollen.Das ist die negaive Seite des Tourismus!Mehrere Boote jagen einem so wunderschönen Tier hinterher,das weckt Begehrlichkeiten,daß noch mehr Boote und Menschen nachkommen,um die noch seltener werdenden Geschöpfe zu sehen.Je öfter ein „Geheimtip“ bekannt gegeben wird,umso mehr Menschen werden geweckt,das auch zu bestaunen!!!!