Die Kreuzfahrerburgen Kerak und Shobak

Eine weitere Episode der wechselhaften Geschichte des heutigen Jordanien begann mit dem ersten Kreuzzug. Ab ca. 1100 wurde für knapp 100 Jahre das Königreich Jerusalem gegründet, ein christlicher Kreuzfahrerstaat, der die muslimische Herrschaft in dem Gebiet unterbrach. Die sichtbarsten Überreste aus dieser Zeit sind die Kreuzfahrerburgen. Zwei davon besuchten wir in zeitlichem Zusammenhang mit unserem Aufenthalt in Feynan. In Kerak („Karak“) stoppten wir auf dem Hinweg und Montreal („Shobak Castle“) besichtigten wir auf dem Rückweg.

Nachwuchskreuzfahrer auf der Burg Kerak
Nachwuchskreuzfahrer auf der Burg Kerak

Wie kam es zu den Kreuzzügen?

Der erste Kreuzzug wurde durch den Aufruf von Papst Urban II im Jahre 1095 ausgelöst. Die Motive waren keineswegs ausschließlich religiöser Natur, auch wenn es vordergründig darum ging, die Muslime aus der Heiligen Stadt bzw. dem Heiligen Land zu vertreiben. Der Kreuzzug führte zur Eroberung Jerusalems im Jahre 1099 und zur Gründung mehrerer Kreuzfahrerstaaten, einer davon auf Gebieten des heutigen Jordanien.

Das weitläufige Gelände der Kreuzfahrerburg Kerak
Das weitläufige Gelände der Kreuzfahrerburg Kerak

Diese Fürstentümer lagen auf der Nachschubroute von Konstantinopel nach Jerusalem und wurden von europäischen (meist französischen) Adligen beherrscht. Das Königreich Jerusalem, der größte Kreuzfahrerstaat, der auch am längsten bestand, erstreckte sich auch östlich des Toten Meers in Gebieten des heutigen Jordanien. Zur Bekräftigung des Anspruches auf das Territorium und zur Verteidigung gegen die Muslime erbauten oder eroberten die Kreuzfahrer zahlreiche Festungen, die heute als Kreuzfahrerburgen bezeichnet werden.

Die Kreuzfahrerburg Kerak

Auf der Fahrt von Madaba nach Süden über den King’s Highway erreichten wir Kerak am späten Vormittag. Die Burg thront gut sichtbar auf einem hohen Felsplateau, das im Osten, Süden und Westen steil abfällt. Ein Teil des gleichnamigen Ortes zieht sich im Norden den Berg hinauf. Hat man die Ruine erreicht, wandelt sich die Kulisse schlagartig von Kleinstadt zu historischer Festung. Wir schritten über eine breite hölzerne Brücke, die über einen tiefen Abgrund zum Burgfelsen führt.

Die massiven Mauern stehen schon seit fast 1000 Jahren.
Die massiven Mauern stehen schon seit fast 1000 Jahren.

Auf der anderen Seite der Brücke erwartete uns ein Labyrinth von Ruinen mit massiven, meterdicken Mauern, teils ober-, teils unterirdisch. Über bis zu sieben Stockwerke sollen sich die Räume der Festung erstreckt haben, bis in die Tiefen des Felsens. Auf dem weitläufigen Gelände, wo es viel zu entdecken gab, waren Hinweistafeln rar gesät. Es gab nur einen groben Übersichtsplan und gelegentlich Schilder, so dass sich die Erkundung der Burg spannend und etwas abenteuerlich gestaltete. Wie im Reiseführer empfohlen, hatten wir unsere Stirnlampen dabei, da das Tageslicht viele düstere Gewölbe nicht erreichte und es meist kein elektrisches Licht gab.

Vorbereitung ist alles. Auf Kerak ist eine Taschenlampe unverzichtbar.
Vorbereitung ist alles. Auf Kerak ist eine Taschenlampe unverzichtbar.

Die Erkundung der alten Gemäuer

Auch wenn einige Abschnitte anschaulich restauriert waren, hatten wir in anderen Arealen den Eindruck, als stünden die Ruinen seit der Eroberung durch Salah ad-Din unverändert da. Kerak wurde im Jahre 1142 von den siegreichen Kreuzrittern des ersten Kreuzzuges erbaut. Nach vielen Schlachten und einer langen Belagerung fiel die Burg schließlich 1188 an die Muslime. Dann herrschten dort erst die Ayyubiden, dann die Mameluken und die Osmanen. So hat Kerak im Laufe der Jahrhunderte schon einige Völker kommen und gehen sehen.

Blick von Kerak aus ins Tal mit landwirtschaftlichen Flächen
Blick von Kerak aus ins Tal mit landwirtschaftlichen Flächen

Absperrungen oder Geländer gab es auf der Festung kaum. Zum höchsten Punkt der Burg führte erst eine historische Treppe. Anschließend nahmen wir einen Pfad über einen kaum einen Meter breiten, unebenen Vorsprung der Befestigungsmauer. Nun folgte eine weitere dunkle, schmale Stiege und noch ein Stück auf der Außenmauer entlang. Von dort bot sich ein vollkommen unverstellter Blick über das Städtchen zu unseren Füßen, das Wadi Kerak und die umgebende Landschaft, ganz ohne Geländer. Anderswo auf der Welt wäre es undenkbar, dass Besucher ganz ohne Sicherung auf den Ruinen herumklettern (ohne dass wirklich Gefahr gedroht hätte). Diese Ursprünglichkeit machte einen großen Teil des Reizes der Burg aus. So konnten wir ungehindert alle noch zugänglichen Winkel der historischen Festung erkunden.

Auf Kerak gibt es kaum Geländer oder Absperrungen.
Auf Kerak gibt es kaum Geländer oder Absperrungen.

Montreal: Shobak Castle

Auch der Standort der Burg in Shobak war strategisch sehr gut gewählt. Auf der Kuppe eines Hügels liegt die Kreuzfahrerfestung an den wichtigen Handelsrouten zwischen Syrien und Arabien und an der Pilgerstraße nach Mekka. Außerdem hat der Ort einen Zugangsweg zum Toten Meer. (Zum ersten Mal fuhren wir an Shobak auf der Taxifahrt von Feynan nach Dana vorbei). Aus dieser Lage schlug der Burgherr Renaud de Châtillon ab 1176 Profit, indem er die reich beladenen Karawanen angriff und ausraubte, die dort vorbeizogen. Dummerweise provozierte er damit Sultan Salah ad-Din der Ayyubiden, was letztendlich 1189 zum Fall der Burg Montreal nach einer zweijährigen, zähen Belagerung führte.

Die Burg Montreal (Shobak Castle) auf der Kuppe des Hügels
Die Burg Montreal (Shobak Castle) auf der Kuppe des Hügels

Die Festung war insgesamt kleiner und verfallener als die Burg Kerak, dafür wurden wir von original ayyubidischen Kämpfern begrüßt. In historische Gewänder gekleidet und mit langen Krummsäbeln bewaffnet, boten sie sich als Führer an und posierten auch gerne für Erinnerungsfotos. Wie zogen es vor, die Festungsanlage auf eigene Faust zu erkunden, aber Mona konnte nicht widerstehen, Teile der historischen Rüstung anzulegen 😉

You shall not pass!
You shall not pass!

In den Ruinen der Burg

Über die Zeit nach der Vertreibung der Kreuzfahrer ist nur wenig überliefert. Fakt ist jedoch, dass die Burg auch nach der Eroberung durch Salah ad-Din genutzt wurde, davon zeugen eingemeißelte Kalligraphien an den Wänden aus der Zeit der Mameluken. Bis heute sind die Überreste einer christlichen Kirche und eines Palastes der Ayyubiden zu erkennen. In der Neuzeit befand sich bis in die 1950er Jahre in einem der Gebäude die Schule des Dorfes, sehr abwechslungsreich!

Eingemeißelte Kalligraphien auf der Burg Montreal
Eingemeißelte Kalligraphien auf der Burg Montreal

Ähnlich wie in Kerak konnten wir uns in der Ruine vollkommen frei bewegen und mangels Absperrungen fungierte nur der eigene gesunde Menschenverstand als Grenze des Möglichen. Einzig die uralten (mittlerweile wohlbekannten und sogar auf OpenStreetmap eingezeichneten) Geheimgänge ins Dorf waren abgesperrt und ausschließlich mit einem Führer zugänglich. So gestaltete sich der Besuch der beiden Burgen sehr spannend und kurzweilig.

Shobak war noch ursprünglicher als Kerak.
Shobak war noch ursprünglicher als Kerak.

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